Kann Vitamin B12 Krebs verursachen?

B-12 und mehr der Jarrows - Geschrieben am 07.10.2020

In einigen wenigen Studien wird vor einem angeblich erhöhten Krebsrisiko aufgrund einer hochdosierten Vitamin B12-Aufnahme gewarnt. Uns sind die Originalarbeiten zu dieser Thematik und auch die Diskussion hierüber bekannt, die von manchen Kreisen verwendet wird, um Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen und hochdosierte Vitamin B12-Produkte im Speziellen in Misskredit zu bringen. Dabei sollte und muss bei einer solch sensiblen Problematik eine sachliche und nüchterne Analyse der vorhandenen Daten erfolgen, bevor Warnungen ausgesprochen werden. Diese produzieren zwar schöne Schlagzeilen, können aber einer wissenschaftlichen Überprüfung oft nicht standhalten.

 

Was stimmt denn nun? Gibt es Studien, die gezeigt haben, dass Vitamin B12 die Entstehung von Krebs fördert?

Zunächst ist festzuhalten, dass bisher keine Studie einen kausalen Zusammenhang zwischen einer hochdosierten Vitamin B12-Nahrungsergänzung mit Methylcobalamin und Krebserkrankungen gezeigt hat.

In einer 2016 veröffentlichten Metaanalyse aus 18 kontrollierten und randomisierten Studien mit insgesamt 74.498 Teilnehmern/Innen, konnte bei fast allen Krebsarten kein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitamin B12 und der Krebshäufigkeit festgestellt werden (1). Einzig bei Hautkrebs zeigte sich überraschenderweise eine Verringerung des Risikos im Zusammenhang mit einer Vitamin B12-Supplementation, bei allen anderen Krebsarten wurde kein Effekt beobachtet. Die Dosierungen an Vitamin B12 lagen in den verschiedenen Studien zwischen 20 µg und 2000 µg, die Patientenzahlen der individuellen Studien waren zwischen 100 und 12000. Die Autoren und Autorinnen untersuchten außerdem einen möglichen Zusammenhang zwischen der Cobalamin-Aufnahme und dem Auftreten von Krebs bei Individuen, die mehr als 400 µg zu sich nahmen. Im Vergleich mit der zweiten Gruppe, die 400 µg Vitamin B12 oder weniger verzehrte, konnte in beiden Gruppen kein signifikanter Unterschied festgestellt werden.

Aufsehen erregte 2017, also 1 Jahr später, eine Studie zum Thema Vitamin B12 und Lungenkrebsrisiko (2). Die Studie war als Beobachtungsstudie angelegt, welche in der Wissenschaft nicht beweiskräftig für einen Kausalzusammenhang ist. Trotzdem postulierte sie – allerdings nur bei rauchenden Männern – einen Zusammenhang zwischen der Cobalamin-Aufnahme und dem vermehrten Auftreten von Lungenkrebs. Nichtraucher/Innen und Frauen wiesen in dieser Untersuchung kein erhöhtes Risiko auf. Die ein Jahr zuvor veröffentlichte Studie von Sui-Liang et al. wurde in dieser Arbeit nicht erwähnt.

 

Wie kann man diese Ergebnisse interpretieren und wie sind die Daten zu der Aufnahme von Vitamin B12 überhaupt erhoben worden?

Die Teilnehmer/Innen der Studie von Brasky et al. (2) sollten anhand von Befragungen ihre Lebensgewohnheiten der letzten 10 Jahre beschreiben. Da viele Menschen noch nicht mal wissen, was sie am Vortag alles verzehrt haben, ist bei dieser Art von Erhebung eine große Fehlerbreite zu erwarten. Wer kann sich schon verlässlich an seine tägliche Vitamin B12-Einnahme der letzten 10 Jahre erinnern? Zudem wurden keine Blutwerte von Cobalamin bestimmt. Die Erhebungsmethode konnte daher keine Antworten auf einen etwaigen Mangel von Vitamin B12 geben, wodurch auch die Frage nach einer möglichen Kausalität nicht beantwortet wurde. Sollte tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Vitamin B12 Supplementen und Lungenkrebs bestehen, könnte im Sinne einer umgekehrten Kausalität ein erhöhter Vitamin B12-Wert auch durch die vorhandene Krebserkrankung resultieren und daher als diagnostischer Marker dienen. Laut einer anderen Studie von Collin et al., in der das Prostatakrebsrisiko mit dem Vitamin B12-Spiegel korrelierte, ist dies die wahrscheinlichere Schlussfolgerung (3). Ein Zusammenhang bestand hier nur zwischen dem Gesamtspiegel an Vitamin B12 und dem Auftreten von Prostatakrebs. Es gab jedoch keinen Zusammenhang zwischen dem aktiven Vitamin in Form von Holo-TC und Prostatakrebs. Wenn die aufgenommene Menge von Vitamin B12 das Wachstum von Krebszellen fördern würde, dann hätten auch die Studienteilnehmer/Innen mit den höchsten Holo-TC-Werten ein gesteigertes Krebsrisiko zeigen müssen. Dies war aber nicht der Fall. Dadurch liegt die Vermutung nahe, dass die erhöhten Serumwerte des Cobalamins durch die Krebserkrankung verursacht wurden und nicht die Erkrankung durch die erhöhten Serumwerte. 

2018 sollten in einer weiteren Studie die offenen Fragen zu einer möglichen Kausalitätsbeziehung zwischen Vitamin B12 und Krebs durch ein neues Design geklärt werden (4). Diese Studie untersuchte zwar einen möglichen Zusammenhang zwischen dem im Serum frei zirkulierenden Cobalamin und dem Lungenkrebsrisiko, aber definitiv nicht den Einfluss einer Substitution von Nahrungsergänzungs- oder Arzneimitteln mit Vitamin B12 auf das Lungenkrebsrisiko. Der in dieser Studie einmalig gemessene Blutwert wurde im Durchschnitt 6,4 Jahre vor der Lungenkrebsdiagnose erhoben. Je nach Untergruppe der Studie lag die Risikoerhöhung bei bis zu 20%. Da erhöhte Serum-B12-Spiegel verschiedene Ursachen haben können, die nicht mit dem Verzehr von Supplementen zusammenhängen müssen, wie z.B. Verwertungsstörungen durch mangelhafte Bindung von Cobalamin an Transportmoleküle, verfälschte Messwerte, oder als Folge schwerer Erkrankungen, wäre eine Messung des verwertbaren Cobalamins in Form von Holo-TC, wie in der Prostatakrebs-Studie, deutlich aussagekräftiger gewesen. 

 

Meldungen zu einer erhöhten Krebsgefahr durch Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin B12 verunsichern viele Veganer/Innen. Womöglich verzichten sie dann aufgrund dieser Ängste auf die für sie essentiellen Nährstoffe und können dadurch in einen Mangelzustand mit schwerwiegenden Folgen geraten. Die Summe der derzeit vorliegenden Daten bietet jedoch keinen Grund zur Sorge, dass durch eine hochdosierte Vitamin B12-Aufnahme von täglich 500 µg Krebs entstehen könnte. Eine wichtige Maßnahme ist in jedem Fall, seinen B12-Status einmal jährlich bestimmen zu lassen. Um einen Versorgungsmangel zu erkennen, eignet sich neben der Bestimmung des B12-Serumspiegels bei Werten zwischen 200 und 400 ng/l zunächst die Bestimmung des Holotranscobalamins (Holo-Tc). Wenn dieser Wert zwischen 35 und 50 pmol/l beträgt, sollte zur weiteren Abklärung eines eventuellen Mangels eine Methylmalonsäure (MMA)-Messung im Serum erfolgen. Wenn dieser Wert 32 µg/l übersteigt, ist ein B12-Mangel wahrscheinlich.

Bei folgenden Werten ist ein B12-Mangel unwahrscheinlich:

Serum B-12 > 400 ng/ml (bei Werten oberhalb von 1000 ng/ml sollte eine Abklärung der möglichen Ursachen erfolgen: Verwertungsstörung, Messfehler, Begleiterkrankungen, Überdosierung?)

Holo-Transcobalamin > 50 pmol/l (bei Werten von oberhalb 120 pmol/l sollte eine Abklärung der möglichen Ursachen erfolgen: Verwertungsstörung, Messfehler, Begleiterkrankungen, Überdosierung?)

Grundsätzlich ist es richtig, nur so viel Vitamin B12 wie nötig und so wenig wie möglich zu substituieren. Als Richtwert für die notwendige Substitution kann bei Bedarf der gemessene Wert des verwertbaren Cobalamins in Form von Holo-Transcobalamin (Holo-Tc) dienen. Er sollte nach Möglichkeit im Bereich von 50 – 120 pmol/l liegen.

Quellen: 

(1) Sui-Liang Zhang et al. Effect of vitamin B supplementation on cancer incidence, death due to cancer, and total mortality, A PRISMA-compliant cumulative meta-analysis of randomized controlled trials. Medicine (Baltimore) 2016, 95(31):e3485.

(2) Brasky TM et al. Long-Term, Supplemental, One-Carbon Metabolism-Related Vitamin B Use in Relation to Lung Cancer Risk in the Vitamins and Lifestyle (VITAL) Cohort. J Clin Oncol 2017, 20;35(30):3440-3448.

(3) Collin SM et al. Circulating folate, vitamin B12, homocysteine, vitamin B12 transport proteins, and risk of prostate cancer: a case-control study, systematic review, and meta-analysis. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2010, 19(6):1632-42.

(4) Fanidi A et al. Is high vitamin B12 status a cause of lung cancer? Cancer Epidemiology 2019, 145(6):1499-1503.

 

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